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Kernfusion, KI und Konnektivität: Drei Kräfte für die Industrie der Zukunft

Von Ivo Ivanov, CEO von DE-CIX
29.04.2026

Von Fusionskraftwerken über modulare Robotik bis hin zu durchgängig digitalisierten Wertschöpfungsketten: Die Hannover Messe hat gezeigt, wie KI die Industrie neu verbindet – von der Fabrik über die Cloud bis in den Orbit. Warum sich Hersteller dank Algorithmen künftig weniger vom Markt überraschen lassen müssen. Und was Internetknoten und Fusionskraftwerke für unsere Zukunft gemein haben – ein Beitrag von Ivo Ivanov, CEO bei DE-CIX.

Es sieht aus wie ein menschliches Organ, das kreisförmig äußerst ungewöhnlich ineinander verschlungen ist. Dabei entstammt es weder unserem Körper noch einem Kunstkatalog, sondern folgt schlicht den Gesetzen der Physik: Stellaratoren sind die Kraftwerke der Zukunft. Ihre verdrehte und asymmetrische Ringform soll ureigene Kräfte des Universums auf der Erde nutzbar machen. Die Kernfusion gilt als saubere, sichere und nachhaltige Energiealternative für die Menschheit. Dazu hat das deutsche Start-up Proxima Fusion Entwicklungszyklen mit Algorithmen beschleunigt und hochkomplexe Wechselwirkungen von Magnetfeldern und Plasmaphysik simuliert. Das Design der Stellaratoren verspricht höhere Effizienz und beseitigt Schwachstellen früherer symmetrischer Konzepte. Ein Beispiel für KI-optimierte Verfahren, die nicht nur zentrale Versorgungsfragen adressieren, sondern auch in der Industrie Potenzial freisetzen.  Unter dem Motto „Think tech forward“ zeigte die Hannover Messe jetzt, was KI, Daten und Rechenleistung bereits leisten.

Modulare Robotik und No-Code-KI für den Mittelstand

Gelenkarm, Greifer und Motor einfach ineinanderstecken, über einen Rahmen verbinden und verschrauben – fertig. RobCo entwickelt intelligente Roboter nach dem Baukastenprinzip. Die modularen Universaltalente tragen Einzelteile, transportieren Werkstücke und lassen sich dabei noch kinderleicht anlernen und bedienen. Ganz ohne Programmierkenntnisse digitalisieren Nutzer eigene Prozesse, um Workflows flexibel zu automatisieren. Per Drag-and-Drop zum smarten Helfer für mittelständische Use Cases – modulare Robotik, No-Code-Plattformen und KI machen es möglich. Nicht anders ZEISS: Der Konzern überträgt jahrzehntelanges Know-how aus der medizinischen Bildgebung über Algorithmen auf industrielle Applikationen. So inspizieren Roboter und KI heute Batterien mit Röntgenstrahlen. Dazu werden die Speicher in einem Computertomografen vollautomatisch gescannt und anschließend maschinell ausgewertet. Erkennt KI sonst feinste Unterschiede im menschlichen Gewebe, detektiert sie nun Hinweise auf potenzielle Sicherheitsprobleme in den Energiezellen.

Hersteller überraschen mit KI den Markt

Den eigenen Erfolg besser absichern – SAP macht mit maschinellem Lernen im Kern genau das. Ob fragile Lieferketten, kurzfristige Engpässe oder stark schwankende Nachfrage: Statt sich überraschen zu lassen, überraschen Hersteller dank agentisch verflochtener IT-Landschaften den Markt. Dazu sollen Big Data und Algorithmen Unwägbarkeiten so frühzeitig erkennen, dass sie von Risiken zu Chancen werden. Wenn Lieferanten, Zulieferer und Partner ihre Daten untereinander so selbstverständlich wie Strom fließen lassen, können KI-Agenten die Beschaffung kosteneffizienter ausrichten, logistische Warenbewegungen dynamischer steuern und Produktionskapazitäten flexibel anpassen – in Echtzeit und vorausschauend. So entsteht eine prädiktive Ökonomie, die Wert aus Daten und integrierten Systemen schöpft.

KI macht Netzwerke zu Nervenbahnen des zentralen Wirtschaftssystems

Workflows flexibel automatisieren, Know-how auf neue Domänen übertragen und Nachfragepotenziale erkennen, bevor sie im Markt sichtbar werden – Beispiele wie diese zeigen nicht nur, wie KI im Zentrum industrieller Wertschöpfung angekommen ist. Sondern sie verdeutlichen darüber hinaus, wie digitale Technologien und Infrastrukturen die Welt von heute zusammenhalten. Eine Ökonomie, die Geschäftsmodelle über Software und IT neu definiert und KI immer mehr zum Nukleus des eigenen Angebots macht, macht gleichzeitig Netze zu den Nervenbahnen eines zentralen Wirtschaftssystems. Einem System, in dem physische Assets immer stärker mit digitalen Services verschmelzen und sich der Erfolg von Diensten an der Geschwindigkeit messen lassen muss, mit der sich Daten zwischen Clouds, Rechenzentren, Fabriken, Maschinen und Anwendungen rund um den Globus übertragen lassen. Denn überall dort, wo digitale Transporte ins Stocken geraten, geraten auch smarte Applikationen ins Stocken. Wenn KI in der Industrie auf Daten warten muss, bremsen ineffiziente Netzwerkarchitekturen die intelligente Wertschöpfung aus.

Datenströme wie Plasmaflüsse ökonomisch nutzbar machen

Internetknoten spielen für die globale Digitalwirtschaft eine Schlüsselrolle. Genauso, wie Stellaratoren Plasmaflüsse stabilisieren, um sie als Energie von morgen nutzen zu können, halten Internet Exchanges (IXs) die Datenströme der Welt zusammen, machen sie kontrollierbar und zugleich schneller: IXs optimieren Latenzzeiten, da sie digitale Pakete auf direktem Weg am öffentlichen Internet vorbei transportieren. Eine etablierte Idee, die im Gegensatz zur Fusion nicht erst zünden muss, sondern im Zeitalter der vorausschauenden Ökonomie bereits gezündet hat: IXs halten Netze im Cloud-Edge-Kontinuum zusammen, was Durchlaufzeiten minimiert und den Nutzen von autonomen KI-Agenten in digitalen Services, smarten Produkten und vernetzten Geschäftsmodellen maximiert. Schließlich sollen laut Gartner bis Ende 2026 bereits 40 Prozent aller Anwendungen in Unternehmen über aufgabenspezifische Agenten verfügen –  2025 waren es noch weniger als 5 Prozent.

Lösungen von der Erde für Daten im Kosmos

Fest steht dabei außerdem: Der Weg von Algorithmen und Agenten führt längst nicht mehr nur durch Fabriken, Rechenzentren und Labore, sondern in den Kosmos hinein. Daten werden zunehmend im Orbit erzeugt, verarbeitet und verteilt. Nicht nur Deutschland steht in einem dynamischen geopolitischen Umfeld vor neuen Herausforderungen im All, sondern die ganze Welt. Die Chancen der Space Economy rückten daher auch in Hannover in den Fokus des Interesses.

Optische Laserlinks, satellitengestützte Edge‑Systeme und hybride Architekturen verbinden Erde und Weltraum – bringen aber neue Herausforderungen für Stabilität, Latenz und Verfügbarkeit mit sich. Herausforderungen, die DE-CIX und das DLR im ESA-Projekt OFELIAS mit KI lösen. Algorithmen sollen dafür sorgen, dass sich Informationen zwischen Erde und All zuverlässiger übermitteln lassen. Denn genauso, wie Internetknoten Informationsströme auf dem Boden bündeln, können sie im Orbit Netzwerke koppeln. Mit dem Space-IX überträgt DE-CIX dieses Prinzip jetzt in die Umlaufbahn. Das Ziel: LEO-Satelliten intelligent untereinander und übergreifend mit Clouds, Plattformen und Infrastrukturen am Boden zusammenzuschalten, damit sich KI aus dem Orbit künftig ebenso selbstverständlich industriell auf der Erde nutzen lässt

Von Mobilfunk Backhauls über Edge-Konnektivität bis hin zu neuen Möglichkeiten für die Breitbandversorgung – was heute im Datenkosmos schon in greifbare Nähe rückt, muss in Energiefragen noch einen Moment warten: Anfang der 2030er‑Jahre soll der erste Stellarator von Proxima Fusion zünden.